Brennpunkt Schule

Ergebnisse des Projekts 'Schulerfolg unter Bedingungen multipler Bildungsrisiken'

Ordnung

„Unterricht nach bürgerlichen Maßstäben ist hier nicht mehr möglich“ (Fallstudie 1, Workshop Schulordnung)

Die Einhaltung von Verhaltens- und Kommunikationsregeln ist an vielen Schulen Grundvoraussetzung für die inhaltliche Arbeit im Unterricht und für ein gelungenes Schulleben. Dazu gehört vor allem, dass durch Pädagogen formulierte Verhaltens- und Leistungserwartungen Anerkennung bei den Schülern finden.

Schulen in segregierten Stadtteilen sehen sich hier in vielen Fällen mit besonderen Herausforderungen konfrontiert. Pädagoginnen und Pädagogen beschreiben in unseren Fallstudien ihre Schülerschaft als verhaltensauffällig, weil diese den grundlegenden Anforderungen an Disziplin, Leistungsniveau und Verhalten nicht gerecht werden. An der Beschreibung von Problemen  wird aber ebenso ersichtlich, dass auch Schülerinnen und Schüler eine stabile soziale Ordnung und ein positives Schulklima als wichtig erachten. Tendenzen eines konfliktreichen sozialen Miteinanders werden an Schulen in schwieriger Lage aus dem Stadtteil in die Schule getragen.

Wir haben in unserer Untersuchung an Schulen geforscht, die sehr unterschiedliche Formen des Umgangs mit Verhaltensproblemen entwickelt haben. An allen untersuchten Schulen fanden wir neben Suspendierungen und verhaltensbezogenen Verträgen den Ausschluss vom Unterricht als das dominante Mittel, Ordnung herzustellen:

 „wenn das über ´ne gewisse Zeit so geht muss er raus weil ich kann sonst keinen Unterricht mehr machen“ (Fallstudie 1, Workshop Schulordnung)

Dennoch wurden bei genauerem Hinsehen Differenzen in den übergeordneten Praktiken der Problembewältigung deutlich. So wird an unserer zweiten Untersuchungsschule vor dem Hintergrund eines festgeschriebenen Systems von Regeln und Sanktionen mit sozialpädagogischen Gesprächs-, Hilfe- und Beratungsmaßnahmen reagiert. Die Überführung in diese sozialpädagogischen Angebote wird von den Lehrkräften als entlastend und gleichzeitig als für die Schülerinnen und Schüler sinnvolles pädagogisches Angebot wahrgenommen (Kollegialität). An unserer ersten Untersuchungsschule hingegen bestand zum Untersuchungszeitpunkt kein einheitlich formuliertes System von Regeln und Sanktionen. Auf der Basis unterschiedlicher pädagogischer Orientierungen reagieren Lehrkräfte hier individuell auf unangepasstes Verhalten. Dabei steht kein Auffangnetz aus (sozial-)pädagogischen Beratungsangeboten zur Verfügung. Chancen für eine längerfristige Einwirkung auf Verhaltensweisen scheinen hierdurch stark beeinträchtigt.

Die besagten unterschiedlichen Praktiken basieren auf verschiedene Perspektiven auf die Schülerinnen und Schüler (Identität). Eine im weitesten Sinne kriminalisierende Sichtweise auf störende Schüler führt zu einer potentiellen „Verteidigungshaltung“. Beinahe komplementär dazu beding die eher pathologisierende Perspektive auf „schwierige“ Schülerinnen und Schüler, wie wir sie in unserer zweiten Untersuchungsschule vorfanden, einen stärker individuellen Umgang mit den Kindern. Diese stark auf die Lebensumstände, persönlichen Umfelder und Charakteristika der einzelnen Lernenden fokussierte Haltung bedingt ein Nachdenken über den geeigneten Umgang mit ihnen und strukturiert die Überführung in Beratungsangebote und damit die Praktiken der Etablierung schulischer Ordnung maßgeblich vor. Das an den Schulen jeweils vorherrschende Schülerbild entfaltet seine Wirkung auf allen Ebenen des schulischen Lebens und Arbeitens und damit auch im Umgang mit störendem Verhalten.

Die nachfolgenden Fragen sollen helfen, schulinterne Diskussionen über schulische Ordnung zu strukturieren und wichtige Entscheidungen im Zusammenhang damit zu treffen. Aus unserer Sicht müsste die Auseinandersetzung über Ordnung an der Schule drei inhaltliche Aspekte umfassen.

 1. Was ist unsere Kultur schulischen Zusammenlebens?

  • Was sind die Grundlagen unseres schulischen Zusammenlebens?
  • Welche Verhaltensweisen werden als Störungen in Unterricht und Schulleben wahrgenommen?
  • Wo liegen zentrale Konfliktpunkte und Konfliktpotenziale im Schulleben?
  • Wo liegen Spielräume und Grenzen der Akzeptanz von störendem Verhalten?
  • In welchen Zusammenhängen funktioniert das schulische Zusammenleben gut? Welche Bedingungen gelten dort?
  • In welchen Zusammenhängen funktioniert das schulische Zusammenleben nicht? Welche Bedingungen gelten dort?

 2. Auf welchen Verhaltensregeln basiert unsere Kultur schulischen Zusammenlebens?

  • Wie werden Regeln festgelegt? Welche Rolle nehmen Lehrkräfte, Sozialpädagogen. Schülerinnen und Schüler und die Schulleitung in diesem Prozess ein?
  • Welche Verbindlichkeit und Spielräume  bestehen für die Geltung dieser Regeln?
  • Wie werden Regeln durchgesetzt?

 3. Welche Maßnahmen gewährleisten unsere Kultur schulischen Zusammenlebens?

  • Welche Reaktionen bestehen bei Regelverletzungen?
  • Wie ist das Gleichgewicht zwischen pädagogischen Gesprächs-, Hilfs- und Beratungsangeboten und Sanktionen im engeren Sinne (Suspendierungen, Verweise, etc.)?
  • Welche Reaktionsformen haben sich in der Vergangenheit als wirksam erwiesen? Entsprechen diese unserer Kultur schulischen Zusammenlebens?
  • In welchem Umfang sollen Regelverletzungen einheitlich sanktioniert werden? Wo bestehen Spielräume für einzelne Pädagoginnen und Pädagogen?
  • Wie werden Sanktionen umgesetzt?