Brennpunkt Schule

Ergebnisse des Projekts 'Schulerfolg unter Bedingungen multipler Bildungsrisiken'

Zentrale Resultate

Fallkontrastive Analysen im Projekt verweisen zunächst auf die Bedeutung der Einzelschule bei der bildungsbezogenen Integration von Lernenden in segregierten Quartieren. Die von uns untersuchten Schulen haben im Zuge der Auseinandersetzung mit ihrer Schülerklientel, im Kontext der Teilnahme an Schulmodellprojekten sowie in Zusammenarbeit mit verschiedenen schulischen und außerschulischen Akteuren über lange Zeiträume hinweg spezifische tradierte Praktiken der Bewältigung von bildungsbezogener, sozialer und ethnischer Segregation ihrer Schülerschaften entwickelt. Die nachfolgende Tabellen gibt einen Überblick über die Resultate zu beiden Fallstudien, im Anschluss daran sind wichtige Ergebnisse exemplarisch für die verschiedenen Analysefoki generalisierend beschrieben.

 

Übersicht der Ergebnisse

Übersicht der Ergebniise (zum vergrößern klicken)

Aspekte des Lehrens und Lernens (Untersuchungsschwerpunkt 1) bildeten den Fokus unserer Auswertungen zu pädagogischen Orientierungen der professionellen Akteure sowie den realisierten Praktiken im Umgang mit Lernenden  sowie der inhaltlichen und organistorischen Gestaltung von Lehr-Lern-Prozessen. In diesem Zusammenhang zeigte sich zunächst, dass eine gemeinsame Grundproblematik der Untersuchungsschulen in der Herstellung schulischer Ordnung besteht. Die besondere Lage einer wenig bildungsorientierten Schülerschaft äußert sich demnach in der pädagogischen Arbeit der Schulen darin, dass die soziale Situation des Unterrichts basierend auf einer grundlegenden Akzeptanz der Rollenerwartungen an Lernende in entsprechenden Schulen von den Akteuren als durchgängig gefährdet wahrgenommen wird. Dies betrifft Unterrichtsstörungen ebenso wie Schulabsentismus oder Autoritätsprobleme der Lehrkräfte. Lehrkräfte an beiden Untersuchungsschulen sehen sich vor die Aufgabe gestellt, stetig die notwendigen sozialen Bedingungen für eine Realisierung des ‚Kerngeschäfts von Schule‘, den Unterricht, interaktiv herstellen zu müssen. Darüber hinaus verwiesen unsere Analysen zu diesem Untersuchungsschwerpunkt beispielsweise auf eine zentrale Bedeutung der Art und Weise, wie Lehrende ihre Schülerinnen und Schüler wahrnehmen, für die Gestaltung schulischer Lernkulturen. Auch Praktiken der Separierung und des Ausschlusses von Lernenden aus dem Unterricht konnten wir an allen Untersuchungsschulen beobachten.

Einen zweiten Untersuchungsschwerpunkt stellten Praktiken des Schulmanagements dar, wobei wir einerseits schulgeschichtliche Entwicklungen rekonstruiert und andererseits in diesen differenten Traditionen von Einzelschulen unterschiedliche Leitungskulturen identifiziert haben, die mit verschiedenen Organisationsformen von Schulleitungen und variierenden Konzepten, Strategien und Realisierungen von Schulentwicklungsprozessen einhergehen.

Bezogen auf unseren dritten Untersuchungsschwerpunkt der Kooperation standen einerseits kollegiale und interprofessionelle Formen der Zusammenarbeit im Kollegium und andererseits die Einbeziehung externer Akteure sowie die Ausstrahlung der schulischen Arbeit in den lokalen Raum im Mittelpunkt unserer Analysen. Hier sind zunächst unterschiedliche Formen der innerschulischen Kooperationen zu beobachten, die eng mit Praktiken des Schulmanagements zusammenhängen und die sich vor allem im Grad der Übereinstimmung von pädagogischen Orientierungen sowie von Solidarität im Lehrerkollegium unterscheiden. An den untersuchten Schulen nehmen Aushandlungsprozesse über gemeinsame pädagogische Strategien auf der einen und individuelle Freiheit bei der Unterrichtsgestaltung auf der anderen Seite breiten Raum ein. Insbesondere das Ordnungsproblem sowie Schwierigkeiten bei der Zusammenarbeit mit Eltern und Instanzen der Jugendhilfe bilden wichtige Schwerpunkte dieser Aushandlungsprozesse. Schulen finden hier zu unterschiedlichen Formen der Kooperation im Kollegium, die von starker Verpflichtung auf gemeinsame Werte und Praktiken bis hin zu weitgehend autonom arbeitenden Teams reichen. Im Bezug auf die Zusammenarbeit von sozialpädagogischen Akteuren und Lehrerinnen und Lehrern finden wir einerseits Formen der Hierarchisierung der unterschiedlichen Professionen, die mit einer Abwertung der Sozialpädagog/innen einhergeht. Weniger konfliktreich erscheinen dagegen Formen der interprofessionellen Kooperation, die mit der Darstellung klarer Verantwortlichkeiten und der Entwicklung von Regeln der Zusammenarbeit einhergehen.

Insbesondere Kooperationen mit außerschulischen Institutionen gewinnen für Schulen in segregierten Quartieren eine große Bedeutung, wenn sie zur Kompensation von Personalknappheit oder zur Bewältigung des Ordnungsproblems innerhalb der Schule beitragen können. Die Bandbreite der kooperierenden Institutionen reicht hierbei von Einrichtungen der Jugendhilfe und der Lehrerbildung über Unternehmen und Kultureinrichtungen. Außerdem deuten unsere Analysen darauf hin, dass im Bereich der Schul- und Unterrichtsentwicklung insbesondere Netzwerke aus Schulen Unterstützungspotentiale bereitstellen.

Im Hinblick auf die Untersuchungsschwerpunkte Schulfusion und Integration von Bildungsgängen zeigen unsere Rekonstruktionen, dass das Aufeinandertreffen beider Entwicklungsimpulse im Kontext von Schulstrukturreform und Neuordnung der Schullandschaft Innovationen an der Einzelschule zunächst eher behindert. Die Realisierung von Schulfusionen bindet insbesondere an Schulen, die nicht über etablierte und dynamische Praktiken der Schulentwicklung verfügen, durch das Aufeinandertreffen von z.T. sehr divergenten Schulkulturen Ressourcen und Motivationen zur Umsetzung von Schulentwicklungsimpulsen durch Strukturreformen. Für beide Steuerungsimpulse gilt, dass sie insbesondere dort zu Innovationen auf der Ebene der Organisation und der pädagogischen Gestaltung von Schulleben und Unterricht führen, wo sie nahtlos in kontinuierliche Schulentwicklungsprozesse eingebettet werden können. Die Integration von Bildungsgängen, wie sie in den von uns untersuchten Regionen umgesetzt wird, wurde von den von uns untersuchten Schulen, die bereits seit längerem als integrierte Haupt- und Realschulen arbeiten, zunächst als Bestätigung der eigenen Arbeit gewertet und vor diesem Hintergrund als Innovationsimpuls zurückgewiesen.

Zu den Ergebnissen der Studie über die genannten fünf Untersuchungsschwerpunkte hinaus gehört vor allem die Entwicklung von Reflexionsimpulsen  für Prozesse der Schulentwicklung in segregierten Quartieren. Mit diesen kurzen Ergebnisdarstellungen und daraus abgeleiteten Leitfragen für interne Diskussionsprozesse geben wir Schulen in schwieriger Lage die Möglichkeit, gezielt an aus ihrer Sicht kritischen Aspekten ihrer pädagogischen Arbeit zu arbeiten und hier gemeinsam Lösungen zu erarbeiten, die zu ihrer Schule passe